History 2010
Vorweihnachtszeit 2009. Die Formel-1-Welt ist in Aufruhr. Seit Tagen machen Gerüchte die Runde, denen zufolge Michael Schumacher sein Comeback geben würde. Vermeintliche Experten werden interviewt; manche schüren über das Gerücht, andere lachen darüber. Hatte nicht Schumacher immer wieder erzählt, wie wohl er sich im Ruhestand fühle und wie wenig er die Formel 1 vermisse? Andererseits: gerade hatte Mercedes die Übernahme von Brawn GP, dem Weltmeister-Team, bestätigt und der Weltmeister Jenson Button verkündet, dass er das Team verlasse. Ein Cockpit war frei - für Schumacher? Michael selbst, Ross Brawn und Norbert Haug, die Protagonisten der Geschichte, lassen sich nicht in die Karten schauen.
Am 23. Dezember, einen Tag vor Weihnachten, wird aus dem Gerücht Realität. Das neue Mercedes GP Petronas Formula 1 Team gibt bekannt: Michael Schumacher hat einen Vertrag über 3 Jahre unterschrieben, wird 2010 nach drei Jahren Pause wieder in der Formel 1 antreten. In silber, nicht in rot. Die Sensation ist perfekt. Der Rekord-Weltmeister ist zurück, will es mit über 40 Jahren nochmals mit der neuen Generation aufnehmen. Im Fahrerlager schnappen sie nach Luft, vor allem, als Michael ankündigt, sein Ziel sei der achte WM-Titel.
Die Nachricht schlägt ein wie keine zuvor aus der Welt des Sports. Seite 1 auf allen Zeitungen, Nachrichtensendungen auf allen Kontinenten eröffnen ihre Berichterstattung mit der Rückkehr Schumachers. Die ganze Welt berichtet über den Coup. Michael selbst ist voller Vorfreude: "Die Vorstellung, wieder im Formel-1-Auto um die Weltmeisterschaft zu fahren, ist für mich aufregend und extrem inspirierend. Zumal ich dabei das Gefühl habe, als würde sich für mich ganz persönlich nach all den Jahren in der Formel 1 ein Kreis schließen. Immerhin hatte ich meinen ersten Rennfahrervertrag mit Mercedes, damals in der Gruppe C und in Le Mans, und immerhin hat mir Mercedes beim Einstieg in die Formel 1 geholfen." Nach vielen Jahren bei Ferrari ist Michael wieder bei seinen deutschen Wurzeln - auch wenn natürlich ein Teil seines Herzens den Italienern immer verbunden bleiben wird.
Die Saison selbst gestaltet sich als schwierig. Der Mercedes W01 ist aus zu vielen Kompromissen geboren, um wirklich ein starkes Auto zu sein. Es ist ein Übergangsauto aus einem Übergangsjahr, und so bleiben die Waffen für Michael und seinen jungen Teamkollegen Nico Rosberg allzu häufig stumpf. Zudem kommt der Charakter der Formel 1, sich jede Woche weiterzuentwickeln, Michael nicht wirklich entgegen - drei Jahre Auszeit sind eine Ewigkeit in diesem schnelllebigen Geschäft. Die Autos und Reifen haben sich extrem verändert, und durch die massive Testbeschränkung kann er auch die Automatismen nicht trainieren. Es ist ein wenig, als würde ein Tennisspieler nach drei Jahren in die Weltspitze zurück kehren und alles hätte sich verändert: die Größe des Feldes, die Höhe des Netzes, der Druck der Bälle und die Beschaffenheit der Bespannung - und er dürfte nicht trainieren.
Dennoch genießt Michael die Herausforderung. Gemeinsam mit einem Team etwas aufzubauen bereitet ihm extremen Spaß, und weil ihm bereits bei den Wintertests klar geworden ist, dass die Konkurrenzfähigkeit sowohl seiner selbst als auch des Autos im ersten gemeinsamen Jahr eher nicht top sein werden, akzeptiert er auch die Rückschläge als wichtige Erfahrung. Er wird in diesem Jahr nicht einmal auf dem Podium stehen, aber er arbeitet sich nach und nach heran. Am Ende des Jahres wird er Gewissheit haben, dass die Anpassung an die neue Formel 1 länger gedauert hat als er dachte; aber auch, dass sie gelungen ist und er noch immer in der absoluten Weltspitze mithalten kann.
Der Fahrplan also bleibt bestehen - drei Jahre bis zum Titel. "Natürlich wäre es mir lieber gewesen, wenn das erste Jahr besser verlaufen wäre", sagt Michael. "Aber die Tendenz ist positiv, daher bleibe ich dabei: unser Ziel muss sein, die Weltmeisterschaft zu holen. Das ist einfach unser Anspruch. Es gibt alle Anzeichen dafür, dass wir im zweiten gemeinsamen Jahr stark genug sein werden, um aufs Podium zu kommen und auch um Siege zu kämpfen. Dass wir schon um die WM werden kämpfen können, bezweifle ich eher. Das wollen wir dann im dritten Jahr angehen."



